Meine Krankheitsbewältigung

Meine Krankheitsbewältigung

Die Diagnose war ein riesen Schock für mich, für dich wahrscheinlich auch, wenn du es hast. Nie im Leben dachte ich daran, für immer zu erkranken. Ich hatte andere Pläne, statt Krank zu werden. Obwohl ich Krankenschwester bin und mein Mann Neurologe, hatte ich diese Wahnsinns Angst. Ich fühlte anfangs diese Ungerechtigkeit und ich war so wütend. Ich war auf alles und jeden Wütend und suchte die Schuld bei mir und in meiner Vergangenheit. Da bekommst du gesagt, du hast Multiple Sklerose und keiner weiß warum. Die Warum frage war das schlimmste für mich. Ich fiel in ein tiefes Loch und musste erstmal alles verarbeiten.

Wenn du neu die Diagnose hast, denkst du vielleicht auch, du könntest nie mehr glücklich werden. Das dachte ich auch. So hart es ist, du musst dich damit auseinander setzen, verdrängen bringt nichts und wird dich immer wieder einholen. Weine, schreie, sei Wütend und hinterfrage alles, das ist ok und du darfst das- du hast eine Diagnose bekommen, die unheilbar ist und dich dein Leben lang begleiten wird.

Es heißt bekanntlich so schön, ,,die Zeit heilt Wunden“ und das tut sie wahrhaftig. Die Narben bleiben.

Das klingt vielleicht etwas blöd, aber während meiner Ausbildung zur Krankenschwester, lernte ich die ,,Sterbephasen nach Kübler Ross“ und Rückblickend kann ich sagen, ich habe diese Phasen für die Krankheitsbewältigung durchlebt und möchte dich daran teilhaben lassen. Wenn du das liest, wirst du evtl. parallelen feststellen oder du findest dich oder jemand anderem sogar in einer Phase gerade wieder.

1.)Die erste Phase – Nicht wahrhaben wollen: Du bekommst die Diagnose und denkst, Nein das kann nicht sein. Ich hielt mich tatsächlich sehr lange in dieser Phase auf. Selber redete ich mir ein, es wäre alles ein blöder Zufall und ein riesen Fehler. Ich erstellte meine eigenen Fakten, warum ich es nicht habe. Ich trauerte eine Zeit und dann begann ich mir einzureden, es war nur ein Schub und die Läsionen in meinem Kopf sind angeboren oder durch etwas anderes entstanden. Ich sagte mir, es kommt nichts mehr und beschäftigte mich mit anderen Dingen…obwohl ich mir ja fest einredete, nicht an MS erkrankt zu sein, wusste mein inneres jedoch, es ist da und deshalb entschied ich mich relativ schnell für eine Therapie. Das gab mir ein ,,Sicherheitsgefühl“

2.) Zweite Phase – Zorn/Ärger: Nach meinem zweiten Schub kann ich dir überhaupt nicht sagen, wie wütend ich war. Auf die Ärzte, die es feststellten, auf mich, auf jeden gesunden und auf die ganze Welt. Ich fragte mich immer nach dem Warum und empfand es so unfair, es bekommen zu haben. Warum ich? Warum wird diese Krankheit ausgelöst? Warum jetzt? Warum, warum, warum… ich bin jemand, der auf alles eine Antwort braucht und dann bekomme ich gesagt, für immer Krank zu sein und warum das kann mir keiner sagen, sehr unbefriedigend. Ich fing an, nach meinen eigenen Antworten zu suchen… und naja ich habe sie bis heute nicht wirklich gefunden. Ich frage mich, wäre es leichter, wenn ich wüsste warum ich erkrankt bin? oder würde ich mich noch mehr vorwürfe machen? Das weiß ich nicht. Ich bin aber überzeugt, wenn die Ursache entdeckt wird, ist eine Möglichkeit zur Heilung wahrscheinlicher.

3. Dritte Phase – Verhandeln: Ich fing an, es mehr und mehr anzunehmen aber gleichzeitig auch mit mir zu verhandeln. Bevor die MS wieder zuschlägt, muss ich einige Dinge tun. Früher ohne Diagnose, sagte ich immer, wenn ich mal älter bin, wandern wir in den Alpen. Ich hatte plötzlich dieses Gefühl, nicht mehr warten zu wollen und können. Wer weiß ob es später noch geht. Wir gingen also Wandern in den Alpen. Mein nächstes Ziel war der Frankfurt Marathon, ich bin ihn nie gelaufen (noch nicht), fing aber hart mit dem Training an. Ich wurde schwanger und verschob es erstmal.

4. Vierte Phase – Depression: Es muss nicht unbedingt die ganz klassische ,,Depression“ sein sondern gemeint ist damit auch Trauer. In Phase 1 habe ich dir erzählt, ich redete mir lange ein, das nichts mehr kommt, so war es aber leider nicht. Tatsächlich hatte ich im Dezember 2015 meinen zweiten Schub. Ich bekam eine Spastik im rechten Bein. Es hat mich doppelt umgehauen, physisch und psychisch. Ich konnte die MS nicht mehr weg reden, sie war da und sie ist da… Das warf mich ziemlich zurück in Phase 2 und ich musste es wieder bewältigen.

5. Akzeptanz:

,,Der sterbende hat den Tod akzeptiert und wird sich auf seine ganz eigene Art und Weise von diesem Leben und den Angehörigen verabschieden“.

www.pflege-durch-angehoerige.de

Ich habe die Krankheit akzeptiert. Es ging nicht von heute auf morgen und es war ein langer Prozess. Meine ganz persönliche Bewältigung dauerte gute 1 1/2 Jahre. In der Zeit hatte ich 3 Schübe und 3 Fehlgeburten, was alles nicht leichter machte. Ich sagte bereits, ich wollte und konnte nichts mehr aufschieben und wir gingen wandern. Nach meinem Schub mit der Spastik im Bein, etwas ganz großes für mich. Ich war stolz über jeden Höhemeter und dankbar genau hier zu sein. Wir wanderten und wanderten, von Hütte zu Hütte. Da waren Wir und die Berge, sonst nichts. Wir, damit meine ich, meinen Mann und ich, wir redeten viel und ich hatte viel Zeit zum Denken. Ich konnte für mich frieden mit der MS schließen. Ich war endlich bereit sie anzunehmen und nicht mehr gegen sie zu kämpfen. Seither bin ich Schubfrei und sehr froh darüber.

Jeder von uns durchlebt natürlich diese Phasen anders. Der eine befindet sich lange in einer und ein anderer streift sie nur kurz an. Auch können Phasen immer wieder aufs Neue erlebt werden oder das Rad beginnt sich aufs neue zu drehen. Ausgelöst durch ein Schub, eine Läsion oder einer Verschlechterung.

Ich würde mich sehr drüber freuen, wenn du mir erzählst, ob du dich auch wieder gefunden hast?

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